„Es geht um Wertschätzung“

Geschrieben von: Alessandro Peduto   

Soldaten beobachten von der Hoehe 431Reinhold Robbe im Interview mit der Freien Presse aus Chemnitz. Der Ex-Wehrbeauftragte Reinhold Robbe fordert mehr Rückhalte für die Bundeswehr – Nur so könne die Truppe in Zukunft genügend Nachwuchs finden. Innerhalb von nur einer Woche findet am heutigen Freitag eine weitere Trauerfeier für einen gefallenen deutschen Soldaten statt. Der Ex-Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) wirft der Politik dennoch vor, sich weiterhin kaum für den gefährlichen Einsatz der Bundeswehr zu interessieren.  Dieser geringe Rückhalt bedrohe die Reform der Bundeswehr.

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Alessandro Peduto hat mit Robbe gesprochen.

Freie Presse: Herr Robbe, hat sich das Berufsrisiko für Bundeswehrsoldaten erhöht?

Reinhold Robbe: Ja, ohne Frage, es ist gefährlicher geworden. Das lässt sich sowohl an der gewachsenen Zahl der getöteten deutschen Soldaten in  Afghanistan ablesen, als auch an der Zunahme der körperlichen und seelischen Verletzungen. Die Soldaten und ihre Familien wissen, dass der Einsatz in Afghanistan auch bedeuten kann, im schlimmsten Fall im Zinksarg zurückzukehren.

Freie Presse: Wie gehen Soldaten mit dem Tod von Kameraden um? Ignorieren sie die Gefahren ihres Berufs?

Robbe: Die  Gefahren werden nach meiner Wahrnehmung nicht ignoriert, aber oftmals verdrängt; denn wenn bei ihnen die Angst vorherrschen würde, könnten sie in Afghanistan  gar nicht im Einsatz sein. Es würde ihnen aber generell leichter fallen, wenn ihr Dienst mehr wertgeschätzt würde. Die Soldaten beklagen nicht erst seit heute, dass sie sich mehr moralischen und menschlichen Zuspruch wünschen. In anderen Ländern, etwa Großbritannien, ist das vollkommen anders.

Freie Presse: Nämlich?

Robbe: Trotz wachsender Kritik der britischen Öffentlichkeit am Afghanistan-Einsatz genießen die Soldaten den Respekt und den Rückhalt der eigenen Bevölkerung. Ihr Einsatz für das Land wird wertgeschätzt. Die Soldaten bekommen die Zuwendung und Anteilnahme, die sie erwarten können. Es ist für mich berührend mitzuerleben, wie das ganze Land Anteil nimmt am Tod eines gefallenen britischen Soldaten. In den USA, Holland und Skandinavien ist es ähnlich.

Freie Presse:  Wie ist es bei uns?

Robbe: Unsere Bundeswehrsoldaten haben das Gefühl, das im Grunde kaum jemand hinter ihnen steht. Als in den vergangenen Wochen drei deutsche Soldaten gefallen sind, war das eher eine kleine Nachricht. Die breite Öffentlichkeit beschäftigte sich stattdessen mit Atomausstieg und Ehec-Krise. Das zeigt die Situation recht gut. Und die Soldaten leiden darunter.  Übrigens auch ihre Familien. Soldatenfrauen haben bei uns oft das Gefühl, sich sogar dafür rechtfertigen zu müssen, dass ihre Männer in Afghanistan sind.

Freie Presse: Andere Länder sehen ihre Soldaten als Helden an. Als was werden sie in Deutschland angesehen?

Robbe: Als Mitbürger, die einen vermeintlich gut bezahlten Job machen und deren Risiko darin besteht, dass sie mit einer Verwundung und im schlimmsten Fall tot nachhause kehren.

Freie Presse: Was sind die Ursachen für diese Haltung?

Robbe: Es hat mit der Tradition der Bundeswehr zu tun, die bis 1995 gar keine Auslandseinsätze kannte. Aber auch die Politik trägt Verantwortung. Über die permanente Gefahr für das Leben der Soldaten hat sie lange Zeit  lieber nicht so deutlich gesprochen. Umso erstaunter war die deutsche Öffentlichkeit, als es dann doch Tote gab. Das hat sich zwischenzeitlich geändert. Dennoch müsste sich die gesamte Politik viel deutlicher zu dem bekennen, was unsere Soldaten leisten müssen.

Freie Presse: Die Soldaten müssen ihre Hoffnung also allein in die Politik setzen?

Robbe: Nein, der Impuls muss von allen gesellschaftlich relevanten Gruppen ausgehen: Etwa von den Sportverbänden. Mit dem DFB habe ich beispielsweise vereinbart, dass künftig zu jedem Länderspiel einsatzbelastete Soldaten eingeladen werden. Es geht um Wertschätzung. Zudem müssen Veteranen einen anderen gesellschaftlichen Status bekommen, ähnlich wie in anderen Ländern. Auch mit den beiden großen Kirchen will ich ins Gespräch kommen.

Freie Presse: Wo sehen sie deren Rolle?

Robbe: Ich habe beim Kirchentag sehr viel Frömmigkeit erlebt.  Was mir aber gefehlt hat, sind Zeichen der Empathie und  der Nächstenliebe mit den Soldaten, unabhängig von der politischen Haltung der Kirchen zum Afghanistan-Einsatz.  Die ehemalige EKD-Vorsitzende Margot Käßmann beispielsweise hatte auf dem evangelischen Kirchentag in Dresden wie schon davor kein einziges Wort der menschlichen Anteilnahme für unsere Soldaten übrig.  Das vermisse ich. Ihr Nachfolger zeigt erfreulicherweise mehr Interesse.

Freie Presse: Hat sich in punkto Rückhalt für die Soldaten unter dem neuen Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) etwas verändert?

Robbe:  Ich habe Respekt vor der nüchternen Art und Weise, wie er mit diesen  schwierigen Themen umgeht. Der Minister hatte in Dresden keine Hemmungen zu sagen, dass der Einsatz sein muss und die erbrachten Opfer nicht vergebens sind.

Freie Presse: Was muss sich angesichts der Reform der  Bundeswehr ändern?

Robbe: Wenn wir die Bundeswehr von einer reinen Verteidigungsarmee zu einer Berufsarmee machen wollen, muss sich die Gesellschaft neu zur Bundeswehr stellen. Denn eine Berufsarmee ist wesentlich mehr darauf angewiesen, die Rückendeckung der Gesellschaft zu haben.

Freie Presse:  Was, wenn das in Deutschland nicht klappt?

Robbe: Dann wird die Bundeswehr in  erhebliche Probleme geraten. Wenn dem Soldatenberuf nicht mehr Anerkennung zukommt, und zwar nicht nur materieller, sondern auch ideeller Art, sehe ich die Gefahr, dass es in absehbarer Zeit nicht mehr genügend geeigneten Nachwuchs geben wird.

 

Weitere Informationen im Internet:

Quelle: Alessandro Peduto/Freie Presse
Foto: Bundeswehr/Schöffner

 
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